1506 - 2006: 500 Jahre
Braunschweiger Druckgeschichte


Ein kurzer Streifzug von den Anfängen
bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts


Das älteste, nachweislich in Braunschweig gedruckte Buch,
»Dath boke der hilgen Ewangelien«, entstand 1506 in der
Werkstatt von Hans Dorn. Dieser Bürger wird allerdings
bereits 1493 als Bewohner der Altstadt erwähnt. Es kann also
nicht ausgeschlossen werden, daß bereits vor 1506 in Braunschweig
Bücher gedruckt wurden. Zeugnisse haben sich darüber aber
offensichtlich nicht erhalten.



Verkleinerter Ausschnitt der Titelseite des
von Hans Dorn 1506 in Braunschweig gedruckten
Werkes »Dath boke der hilgen Ewangelien«


Dorns Werk ist in niederdeutscher Sprache verfaßt und stand
typografisch durchaus auf der Höhe der Zeit. In Dorns Werkstatt
entstanden bis 1522 noch eine ganze Reihe interessanter Buchtitel,
so z. B. die Reisebeschreibung des Hildesheimer Bürgers Gerdt Helmich
für Pilger von Braunschweig nach San Jago di Compostella aus dem
Jahr 1518. Die Werkstatt soll sich an der Martinikirche, unweit
des »Hohen Tores«, befunden haben.



Das Hohe Tor (Links im Vordergrund)
auf einem Stich von Spitzer (1547). Ganz in der Nähe
soll Dorn seine Druckwerkstatt unterhalten haben


Andreas Goldbeck ist der zweite bekannte Drucker, der in
Braunschweigs Mauern sein Handwerk betrieb. 1539 erschien sein Buch
»Trostsprüche für die furchtsamen und schwachen Gewissen«. Goldbeck
war auch der erste Braunschweiger Drucker, bei dem Werke in
hochdeutscher Sprache erschienen.


1588 versuchte der Braunschweiger Herzog in der Burg Dankwarderode
durch Jakob Lucius, einen Sohn des Helmstedter Universitätsdruckers,
eine Werkstatt einzurichten, scheiterte aber am Widerstand der
Braunschweiger Bürgerschaft. Daniel Büring, ein Maler und
Formschneider, der auf der Schöppenstedter Straße beheimatet war,
erhielt als nächster Drucker vom Rat der Stadt die Einwilligung zur
Errichtung einer Druckerei. Diese hat bis 1596 bestanden.


Buchdruck um 1520

Andreas Duncker aus Helmstedt wurde im Jahre 1603 »Privilegierter
Ratsdrucker«. Zu dieser Zeit führten Auseinandersetzungen der Stadt
mit dem Herzog dazu, daß die Kontroversen auch publizistisch
ausgetragen wurden. Duncker druckte die Streitschriften des Rates,
wogegen der bereits erwähnte Jakob Lucius in Helmstedt die Position
des Herzogs Heinrich Julius vertrat.


1629 starb Andreas Duncker. Seinem Schwiegersohn Balthasar Gruber
wurde nun das Druckmonopol übertragen. Ab 1638 sind in Braunschweig
erstmals zwei Druckereien gleichzeitig nachweisbar: Dunckers Sohn,
Andreas der Jüngere, war in seine Heimatstadt zurückgekehrt und
erhielt vom Rat ebenfalls eine Konzession. Nach dem Ableben von
Balthasar Gruber (1645) heiratete dessen Witwe 1647 Friedrich Zilliger,
der schließlich 1671 auch die Dunckersche Druckerei übernahm.
Zilligers Sohn Johann Georg und seine Nachfolger im Besitz der
Druckerei, Heinrich und Friedrich Wilhelm Meyer, begründeten
mit ihren Kalenderdrucken eine bis in die heutige Zeit reichende
Braunschweiger Verlagstradition. Bibeln und Katechismen
rundeten dieses Verlagsangebot ab. Zilliger hatte überdies ab
1690 ein sogenanntes »Wochenblatt« herausgegeben. Friedrich Wilhelm
Meyer knüpfte daran mit einer »Braunschweiger Zeitung« an, die
sich bis in das Jahr 1785 hielt.

Bereits 1751 war die Waisenhaus-Buchdruckerei gegründet worden.
Hier entstanden unter anderem Werke von Lessing.


Abbildung aus Gessner, Christian Friedrich: »Die so nöthig als nützliche
Buchdruckerkunst und Schriftgiesserey
«, 1740

Nicht unerwähnt bleiben darf natürlich die Druckerei der Firma
Friedrich Vieweg & Sohn. Das bekannte Verlagsgebäude am Burgplatz,
das heute das Braunschweigische Landesmuseum beherbergt, entstand
1804 nach Plänen von David Gilly. Die Fülle der bei Vieweg verlegten
schöngeistigen und wissenschaftlichen Literatur ist kaum überschaubar.
Die Autorennamen reichen von Goethe bis Einstein.



Der Ursprung der noch heute existenten Druckerei Oeding liegt im
Jahre 1790 mit der Gründung einer Musiknotendruckerei durch
Karl Reichard. Friedrich Wilhelm Meinecke übernahm diese Firma 1840,
sein Schwiegersohn Hans Oeding gab der Druckerei schließlich 1881
ihren heutigen Namen.


1838 wurde die Verlagsbuchhandlung Georg Westermann gegründet.
Ab 1845 wurde dem Betrieb eine eigene Druckerei hinzugefügt. Das
Haus Westermann hat sich weltweit durch den Druck von Schulbüchern,
Landkarten und Atlanten einen Namen gemacht.

Einen besonderen Ruf was die typografische Qualität ihrer
Druckerzeugnisse anging, hat sich die Hofbuchdruckerei Julius Krampe
erworben, die seit 1860 in Braunschweig ansässig war und seit
1865 das »Braunschweiger Tageblatt« druckte.


Ebenfalls 1865 wurde die Buchdruckerei Albert Limbach gegründet
(anfangs Limbach & Berglein), die sich vor allem mit
der Herstellung des »Braunschweigischen Stadtanzeigers«
(1886) und des »Braunschweiger Allgemeinen Anzeigers« (1906)
einen guten Namen machte. Das Stammhaus befand sich auf der Stoben-

straße, später zog man in neue Räume auf der Leopoldstraße.
In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts erfolgte schließlich
der Umzug in das Pressehaus am Hutfiltern 8, das bis 1980
Sitz der Firma Limbach war.



Wilhelm Bracke (1842 - 1880)
Sozialdemokratischer Politiker, Verleger und Buchhändler
1877 - 1879 Reichstagsabgeordneter


Der sozialdemokratische Politiker Wilhelm Bracke, nach dem heute
die Gesamtschule in der Braunschweiger Weststadt benannt ist,
gründete 1871 eine Druckerei, die unter anderem den »Braunschweiger
Volksfreund«, eine in Arbeiterkreisen populäre Zeitung, druckte.
Während der Bismarckschen Sozialistengesetze führte die Druckerei
den Namen August Vogel & Co und verlegte das »Braunschweiger
Unterhaltungsblatt«, ab 1890 schließlich wieder den »Volksfreund«.
H. Rieke übernahm 1907 die Volksfreund-Druckerei und führte sie bis
zur Zerschlagung durch die Nazis im Jahr 1933.


Inserat der Druckerei Merkur aus dem Jahre 1930

1902 eröffnete Franz Hess seinen Druckereibetrieb und spezialisierte
sich auf Lotterie-Drucksachen und auf Druckerzeugnisse für die
Fliegerei und den immer populärer werdenden Fußballsport.

Weitere Druckereigründungen im 19. Jahrhundert:

1826: Steindruckerei August Wehrt (Kreuzstraße)
1828: Notendruckerei Gottfried Martin Meyer
1878: Goebecke & Preusendanz (Neue Straße)


Bernhard Schnelle, im Juni 2005


Nachtrag zu einem (fast) vergessenen Jubiläum:


Das Jahr 2006 ist vorübergegangen, ohne daß die Stadt Braunschweig
dem oben erwähnten Jubiläum in irgendeiner Weise gedacht hätte.
Braunschweigs Kulturdezernent Wolfgang Laczny antwortete auf einen
entsprechenden Hinweis mit Brief vom 06. 07. 2005: 

»Ihrer Anregung für eine Begleitveranstaltung zum 500jährigen Jubiläum ...
kann die Stadt Braunschweig 
jedoch leider nicht folgen ...«
Lediglich in der Wochenend-Beilage der Braunschweiger Zeitung
erschien am 15. Juli 2006 der von Klaus Herrmann verfaßte Artikel
»Vor 500 Jahren erschien das erste Braunschweiger Buch.
Das (fast) vergessene Jubiläum.«


Bernhard Schnelle, im Januar 2007

Literatur:

Camerer, Luitgard u. a. (Hrsg.):
Braunschweiger Stadtlexikon. Braunschweig, 1992

Moderhack, Richard:
450 Jahre Braunschweiger Druckgewerbe. Braunschweig, 1958

Seidel, Jutta: Wilhelm Bracke. Berlin (Ost), 1966

Proben von Antiqua- und Fracturschriften
aus der Schriftgießerei von Friedrich Vieweg & Sohn
in Braunschweig. Braunschweig, 1833

Schriftenverzeichnis der Buchdruckerei des
Herzoglichen Waisenhauses in Braunschweig.
Braunschweig, 1912


Joseph Mendessohn
Journal für Buchdruckerkunst, Schriftgießerei und die
verwandten Fächer. Braunschweig, November 1842


Verbreitung der Buchdruckerkunst
in Europa bis zur Mitte
des 16. Jahrhunderts


um 1450 Mainz
um 1460 Bamberg, Straßburg
1465 Subiaco
1466 Köln
1467 Rom, Eltville
1468 Augsburg, Basel
1469 Venedig
1470 Nürnberg, Paris, Neapel
1471 Mailand, Florenz
1473 Esslingen, Utrecht, Ulm, Lyon
1474 Krakau, Valencia
1475 Zaragoza, Barcelona, Loewen, Breslau, Brügge, Lübeck
1476 London, Pilsen, Rostock, Speyer, Brüssel
1480 Magdeburg
1481 Ofen (Ungarn), Antwerpen, Leipzig
1482 Wien, Odense
1483 Stockholm
1488 Prag
1491 Hamburg
1492 Marienburg
1493 Kopenhagen
1498 Danzig
1503 Istanbul
1506 Braunschweig
1515 Saloniki
1553 Moskau


Zitate

Des Daseins eigentlichen Anfang
macht die Schrift.
Heraklit

Laien verfügen über Schrift,
ohne zu wissen, daß sie es
mit einem der kostbarsten Kulturgüter
der Menschheit zu tun haben.
Hildegard Korger

Wer das Woherkommen nicht ergründet,
findet im Wohingehen keinen Halt.
Typographie sucht nicht nach allem,
was noch möglich ist, sondern fragt nach dem,
was nötig ist.
Kurt Weidemann

Typografie ist keine Kunst.
Typografie ist keine Wissenschaft.
Typografie ist Handwerk.
Hans Peter Willberg


Der künstlerische Drang nach Selbstdarstellung
ist in der
Dienstleistung Typografie ein Irrweg.
Kurt Weidemann

Die Typografen (im weitesten Sinne)
haben von jeher zur Avantgarde
der Arbeiterbewegung gehört;
ohne ihre Kenntnisse, ihre Kultur
und ihre Solidarität wäre die rasche
Ausbreitung neuer Ideen in der
Arbeiterklasse des 19. Jahrhunderts
gar nicht denkbar gewesen.
Hans Magnus Enzensberger

Von der Barberei in die Zivilisation
leitet die Erfindung der Buchstabenschrift
und ihre Verwendung zu literarischer
Aufzeichnung über.
Franz Mehring

Mehr als das Blei in der Flinte
hat das Blei im Setzkasten
die Welt verändert.
Georg Christoph Lichtenberg

Gott schütze uns vor der vagabundierenden
Kreativität der Typomanen.
Kurt Weidemann

Ohne Gutenbergs Erfindung
des Buchdrucks wären weder die
Flugblätter des Bauernkriegs möglich
gewesen noch die Aufrufe
der Französischen Revolution.
Irene Jung

Man sollte nicht sein ganzes Leben
nur mit Buchstaben verbringen,
es gibt ja auch noch
die Typografie!
Hans Peter Willberg

Glaubt keinen Autoritäten!
Hans Peter Willberg

In irgendeinem Magazin
sehe ich ein Logo oder einen
Rubriktitel mit interessanten
Schriftzeichen. Ohne den Urheber
kopieren zu wollen, sehe ich die
Chance, in freier Improvisation
(ungefähr wie Jazzer über
alten Melodien improvisieren)
ein ganzes Alphabet daraus zu machen.
Die Ideen für solche Schriften
liegen auf der Straße . . .
Manfred Klein

Schriftkunst ist anonym;
sie hat ihre Kenner,
aber sie hat kein Publikum.
Kurt Weidemann

Die Geschichte der Schrift ist die
Geschichte der menschlichen Kultur.
H. Virl

Schrift ist ganz ohne Frage
ein Kulturgut. Eines, das einerseits
niemandem gehören kann, das aber
andererseits um so mehr Protektionisten
und Förderer braucht.
Derer sind wenig geworden.
Hans-Georg Wenke



 



Harry Rowohlt zur sogenannten Rechtschreibreform:
»Diese Reform ist doch subventionierte Legasthenie.«
Gelesen im Hamburger Abendblatt vom 31. Juli 1997

»Die Reform der Rechtschreibreform endet als Reformtorso.«
Hubert Spiegel in der FAZ vom 4. März 2006


»Schrift und Sprache verändern sich behutsam, gleichsam evolutionär.
Auch vor der Rechtschreibreform hat beispielsweise die Duden-Redaktion
hieraus ihre Schlüsse gezogen und regelmäßig neue Schreibweisen in die
jeweils aktuelle Ausgabe übernommen. Diese Regelung hat sich jahr-
zehntelang gut bewährt – bis zu dem Tage, als Bürokraten uns eine neue
Schriftsprache verordnet haben. Das konnte ja nur in die Hose gehen!«

Der Autor dieser Internet-Seiten in einem Leserbrief an den
Rheinischen Merkur, 2004


»Die Rechtschreibreform ist endgültig gescheitert.«
Welt Online, 30. 08. 2009


 

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