Überlaßt die gebrochenen Schriften
nicht den Ewiggestrigen,
sondern eignet sie euch selber an!



Die Gruppe X muß der klaren Unterscheidung wegen in fünf
Untergruppen gegliedert werden. Es sind dies:
Xa Gotisch, Xb Rundgotisch, Xc Schwabacher, Xd Fraktur,
Xe Fraktur-Varianten.

Die Schriftschnitte tragen vielfach diese Artbezeichnungen als
Zusatz zu ihren Namen, etwa Manuskript-Gotisch, Weiß-Rundgotisch,
Original-Schwabacher, Leibniz-Fraktur.




Einteilung eines Setzkastens für gebrochene Schriften im Bleisatz

Grafik: © B. Schnelle

Xa Gotisch
Die gotischen Kleinbuchstaben sind im elften Jahrhundert nach
mehreren Entwicklungsphasen, analog dem Stilwandel der Baukunst
von der Romanik zur Gotik, aus der Karolingischen Minuskel
hervorgegangen. Die gotische Schrift trägt auch den lateinischen
Namen Textura (Gewebe), weil ihre hohe und enge Art in der Wirkung
einer ganzen Schriftseite diesen Vergleich nahelegt.

Strichstärke und Mittellängenhöhe sowie die Enge der Punzen
bestimmen ihren Charakter. Der rautenförmige Breitfederstrich am
Anfang und Ende der Buchstaben, wie bei l n m i r, und die
Brechung anstelle der Rundung, so bei o p q b d, läßt dieses
Kleinbuchstabenbild entstehen.

Die Großbuchstaben der gotischen Schrift kamen erst Ende
des fünfzehnten Jahrhunderts hinzu. Mit ihren vielfach vorhandenen
Doppelstrichen und ihrem zierenden Beiwerk wirken sie etwas überladen
und treten deshalb meist stark aus dem Seitenbild heraus.


Johannes Gutenberg und sein Textura-Zeichensatz auf einem
Postwertzeichen der Deutschen Post aus dem Jahre 2000


Um einem weit verbreiteten Mißverständnis vorzubeugen, sei an dieser Stelle
bemerkt, daß die Bezeichnung »Gotisch« in Bezug auf diese Schriftart
nichts mit dem germanischen Stamm der Goten zu tun hat. Sie geht
vielmehr auf die abwertende Aussage den italienischen Kunstschriftstellers,
Malers und Baumeisters Giorgio Vasari (1511-1574) zurück, der u. a. diese
Schriftform als »gotisch« im Sinne von »barbarisch« ablehnte.
(Siehe auch »Rundgotisch» auf dieser Seite und »Die weitere Entwicklung...«
auf Seite 5)


Sebaldus-Gotisch, Berthold, 1926

Auswahl von Schriften aus der Untergruppe Xa / Gotisch
Altenburger Gotisch, Bayreuth, Belwe-Gotisch, Brahms-Gotisch
Caslon-Gotisch, Cloister Black, Fette Gotisch, Freigotisch, Ganz Grobe Gotisch
Goudy-Text, Gotenburg, Liturgisch, Manuskript-Gotisch
Maximilian-Gotisch, Nederduits, Sebaldus-Gotisch, Trump-Deutsch
Weiß-Gotisch, Wilhelm-Klingspor-Gotisch



Xb Rundgotisch
Die Rundgotisch oder Rotunda kann als Übergangsstil
zwischen der Korolingischen Minuskel und der Textura, aber auch als
Alternative zu den strengen Formen der Textura betrachtet werden.
Um 1400 entstanden diese schönen und klaren Formen mit der breit
geschnittenen Feder aus der Hand spanischer und italienischer
Schreibmeister, zum Teil weil die Textura in Südeuropa als
»barbarisch« abgelehnt wurde.

1486 zeigt sie Erhard Ratdolt in einer Schriftprobe mit zehn Graden
und 1496 verwendet er sie in seinem »Missale für Augsburg«. Wegen
ihrer bastarden Stellung zwischen Antiqua und Gotisch, die Formen
der Buchstaben sind teils rund, teils gebrochen, wurde sie früher auch
als »Halbgotisch« bezeichnet.



Schriftmuster der Uhlen-Rundgotisch

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war diesem Schrifttyp
ein neuer, wenn auch kurzer Aufschwung beschieden. Die Wallau und
die Weiß-Rundgotisch sind in dieser Spätphase entstanden.

Auswahl von Schriften aus der Untergruppe Xb / Rundgotisch
Gotico, Kühne-Schrift, San Marco, Uhlen-Rundgotisch, Wallau
Weiß-Rundgotisch



Xc Schwabacher
An dritter Stelle nach den beiden gotischen Vorläufern der
Gebrochenen Schriften bringt die Schwabacher als echtes Kind
der Renaissance einen hellen und fröhlichen Klang mit. Markant
sind ihre beschwingten Rundformen, so bei den Buchstaben a d h o,
vor allem aber bei den breit angelegten Versalien, an deren Form
man die Hand des gewandten Buchschreibers spürt.

Die originellsten und unverwechselbaren Versalien sind die Figuren
H und S. Hier haben wir es mit einer Schrifttype zu tun, die man
nur in Deutschland findet, denn sie ist unseres Wissens in keinem


Schwabacher-Beschriftung am Rathaus in Beeskow (Brandenburg)

anderen Land bekannt. Sie entstand im fünfzehnten Jahrhundert
zuerst in geschriebener, dann in Holz geschnittener Form und
später als in Lettern gegossene Type. Die Schwabacher wurde zur
beherrschenden Buchschrift des sechzehnten Jahrhunderts.
Ihre Entwicklung ist wohl im fränkischen Raum zu suchen. Erstmals
druckte offenbar Lienhard Holle in Ulm im Jahre 1483 mit einer Schwabacher.
(Andere Quellen nennen allerdings einen Augsburger
Wiegendruck aus dem Jahr 1472). Anton Koberger benutzte sie
um 1490 für die Schedelsche Weltchronik, Albrecht Dürer 1498
für die »Apokalypse«.

Die Stadt Schwabach stellt auf ihrer Website mutig die Behauptung auf:
»Um 1500: Ein Schwabacher Typenschneider hat vermutlich in Nürnberg
die »Schwabacher Schrift« entwickelt. Sie wurde so populär, dass
Luthers Bibelübersetzung in dieser Schriftart gedruckt wurde.«

Quelle: http://www.schwabach.de/stadtportraet/00279.html


Halbfette Zeitungsschwabacher, Friedrich Pustet, um 1900

Auswahl von Schriften aus der Untergruppe Xc / Schwabacher
Alte Schwabacher, Ehmcke-Schwabacher, Neue Schwabacher
Nürnberger Schwabacher, Offenbacher Schwabacher, Rediviva
Renata-Schwabacher, Schneidler-Schwabacher



Xd Fraktur
Lange Zeit wurden mit dem Namen Fraktur verallgemeinernd
alle Gebrochenen Schriften bezeichnet. Doch schon die Beifügung
»Fraktur« zu den Namen der meisten Schnitte dieser Untergruppe zeigt,
daß diese Bezeichnung nur für diesen speziellen Schrifttypus
Gültigkeit hat. Die Fraktur erhielt von der Gotisch die
Schlankheit und von der Schwabacher die bewegten und schwungvollen
Formen. Dies ist besonders bei den Großbuchstaben spürbar. In Kaiser
Maximilians Gebetbuch, in den Jahren 1508 bis 1513 gedruckt,
begegnen uns diese unter dem Einfluß der Renaissance entstandenen
Schriftformen zum ersten Mal in gedruckter Form.

Ein gutes Kennzeichen der Fraktur ist der fast bei allen Versalien
vorkommende »Elefantenrüssel«. Bei den Oberlängen der Kleinbuchstaben
sind es die gegabelten Kopfteile. Biegung und Brechung wechseln sich ab.



Friedrich Bauers halbfette Senats-Fraktur von 1907/08.
Gegossen bei Genzsch & Heyse, Hamburg


Auswahl von Schriften aus der Untergruppe Xd / Fraktur
Amts-Fraktur, Breitkopf-Fraktur, Fette Fraktur, Fichte-Fraktur, Goethe-Fraktur
Humboldt-Fraktur, Ideal-Fraktur, König-Type, Luthersche Fraktur
Mainzer Fraktur, Poppl-Fraktur, Thannhaeuser-Fraktur, Unger-Fraktur,
Walbaum-Fraktur, Wieynck-Fraktur, Wittenberger Fraktur, Zentenar-Fraktur


Postwertzeichen der Deutschen Bundespost aus dem Jahre 1980


Fetter Fraktur-Entwurf (Dt. Reichs-Schrift) von Arthur Pestner:
Wilhelm Woellmers Schriftgießerei, Berlin, 1915



Xe Fraktur-Varianten
Die Untergruppe Fraktur-Varianten

umfaßt alle Gebrochenen Schriften, die in den
bisherigen Untergruppen stilgemäß nicht untergebracht
werden können. Dazu gehören auch die Kanzleischriften,
die im neunzehnten und Anfang des
zwanzigsten Jahrhunderts entstanden, aber auch die eigenwilligen
Schriftschöpfungen Rudolf Kochs wie die Fette Kochschrift und die
Claudius. Die ebenfalls dazugehörigen Fraktur-Kursiven haben in der
gotischen Buchkursive ihre Vorläufer, und die schulmäßig entwickelten
Schreibschriften bringen mit spitzer, breiter oder Schnurzugfeder
mehrere Varianten dieses kurrenten Stils.


Fraktur-Variante Rhapsodie von Ilse Schüle.
Ludwig & Mayer, 1951


Auswahl von Schriften aus der Untergruppe Xe / Fraktur-Varianten
Claudius, Engravers Text, Fette Deutsche Schrift (Koch), Fette Kanzlei
Hermann-Gotisch, Hölderlin-Fraktur, London Text (Blackletter 686)
Post-Fraktur, Rhapsodie, Wedding Text (Blackletter 681)


Fraktur-Variante (Kanzlei) auf
einem Buchtitel aus dem Jahre 1975



Weitere Muster Gebrochener Schriften finden Sie hier:




Gruppe XI Fremde Schriften
In diese Gruppe sind nicht-lateinische Schriftarten eingereiht.
Dazu gehören unter anderem Griechisch, Kyrillisch, Chinesisch,
Arabisch, Japanisch, Hebräisch, Armenisch, Georgisch und die
verschiedenen Schriftsysteme des indischen Subkontinents.





Eine neue DIN-Norm???
Seit 1998 gibt es einen neuen Normen- Entwurf DIN 16518.
Hiernach sollen die Schriften wie folgt klassifiziert werden:

1. Gebrochene Schriften
2. Römische Linear-Schriften
3. Lineare Schriften
4. Serifenbetonte Schriften
5. Geschriebene Schriften

Dazu kommt eine (im Prinzip unbegrenzte) Anzahl von Untergruppen.
Aus dem Stadium des Entwurfs ist diese Klassifikation bis heute nicht
herausgekommen. Wie man hört, haben sich die Fachleute, die hier
tätig waren, heillos zerstritten.
Also, abwarten und Tee trinken ...

Versuche, die DIN-Norm zu modifizieren, hat es auch in der
Vergangenheit gegeben. Kaum noch bekannt sein dürfte
das Modell von Karl Vöhringer, Chefredakteur der Fachzeitschrift
»Form und Technik«. Er stellte 1989 ebenfalls die gebrochenen
Schriften (historisch freilich nicht korrekt) an die Spitze der
DIN-Klassifizierung.



Das runde r in älteren
gebrochenen Schriften


Eine Besonderheit bei älteren gebrochenen Schriften ist
das sogenannte Rund-r. Kaum jemand kann mit diesem Zeichen
heute noch etwas anfangen, geschweige denn weiß, wann man diese
Letter im Bleisatz benutzte. Bereits in den Handschriften aus
der Zeit vor der Erfindung des Buchdrucks ist es zu finden (siehe
Abbildung A). Brandi vermutet den Ursprung des Rund-r in der alt-
römischen Majuskel-Ligatur OR (1). Schon bei Unzialhandschriften
wird bei der Kombination OR häufig der senkrechte Schaft des R
weggelassen. Dies wird auch in die Halbunziale übernommen.
Wilhelm Meyer (siehe auch weiter unten) vermutet als Ort der
Entstehung dieser Schreibregel Italien oder Frankreich.

Abbildung A: Rund-r am Ende des Wortes »pastor«

In den späteren Rotunda- und Schwabacher-Drucken hatte
es einen festen Platz, wenn es hinter einem gerundeten Buch-
staben stand (z.B. hinter dem o / siehe Abbildung B: Venezianischer
Druck von Ratdolt aus dem Jahr 1496).



Abbildung B

Bei Verdoppelungen folgte es dem normalen r, oder aber
es stand vor dem normalen r, wenn es einem gerundetem
Buchstaben folgte.



Flämische Fraktur aus dem 16. Jahrhundert

Aber auch ohne die genannten Kombinationen wurde das Rund-r
gelegentlich verwendet. Abbildung C zeigt es in den Worten
»Nürnberg« und »Pfarrhoff« in einer Kanzleischrift aus dem
Jahre 1710.

Selbst in Caslons Schriftproben aus dem 18. Jahrhundert begegnet
uns das runde r.



Abbildung C

Genaueres über die Geschichte des Rund-r erfährt man in der
Abhandlung von Wilhelm Meyer aus dem Jahr 1897 (siehe auch
Literatur). Trotz ihres Alters ist diese Arbeit absolut lesenswert.
Meyer kommt zu dem Ergebnis, daß das »gekrümmte r« seit den Zeiten
Karls des Großen stets nach dem o gebraucht wurde. Eine weitere
Ausbreitung erfuhr es seit dem 13. Jahrhundert und hatte bis zum
Ende des 15. Jahrhunderts das »normale« r fast völlig verdrängt!
Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts erfolgt eine allmähliche
Rückbesinnung auf das »normale« r, sowohl in Hand- wie auch in
Druckschriften (2).

In einer handschriftlichen Sammlung lateinischer und französischer
Motetten, die Anfang des 14. Jahrhunderts entstanden ist, taucht das
runde r in folgenden Kombinationen auf: br dr hr or pr vr und yr (3).
Meyer erwähnt z. B. zwei päpstliche Urkunden aus den Jahren 1460 und
1472. In der älteren wird ausschließlich die Kombination rundes r-
normales r anstatt von rr verwendet. In der jüngeren taucht auch
alleinstehend nur noch das runde r auf!

Auch in einem anderen Zusammenhang begegnet uns das Rund-r.
Bis mindestens in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts wird in den
Lexika unter dem Stichwort »et cetera« darauf verwiesen, daß man
in gebrochenen Schriften für dessen Abkürzung eine »Pseudoligatur«
Rund-r und c verwenden kann (im Gegensatz zu der Abkürzung »etc.«
in Antiquaschrift).


Aus dem Volksbrockhaus von 1934

Die Geschichte dieser Pseudoligatur ist heute fast in
Vergessenheit geraten - sie beginnt wohl ursprünglich
mit dem &-Zeichen der Textura, dessen Aussehen große
Ähnlichkeit mit dem runden r aufweist.

In der weiteren Formentwicklung gleicht dieses et-Zeichen
schließlich einem kopfstehendem runden r. Offenschtlich bedingt
durch die immer mehr abnehmende Verwendung wurde die »echte«
gotische Ligatur et nicht mehr gegossen. Man behalf sich in
der Folge bei der Abkürzung für »et cetera« mit dem Rund-r
und dem c = &c(etera).(4)


Rund-r und c für et cetera bzw. relinquo cetera

Der Autor Helmut Delbanco hat bezüglich der Abkürzung »rc«
eine interessante These aufgestellt, die ich für sehr schlüssig
halte. Demnach könnte »rc« für das lateinische relinquo cetera
(= weiteres lasse ich weg) stehen. Dem Sinn nach besteht nun
wirklich kein großer Unterschied zwischen »und so weiter« und
»weiteres lasse ich weg«, wenn man eine Aufzählung nicht zu
lang werden lassen will.


Das runde r in der »Verzierten Schwabacher«
der Gießerei Carl Kloberg, Leipzig, von 1891



Das runde und das »normale« r der schmalfetten König-Type
(Bleisatz) aus dem Jahre 1907. Gießerei Emil Gursch, Berlin




Aus der Zeit vom 2. bis 4. Jahrhundert sind
et-Zeichen aus Lapidarinschriften erhalten,
die diese Formen aufweisen

Siehe hierzu:
Stötzner, Andreas: Anatomie und Metamorphose am Beispiel
des Et-Zeichens. In: Signa, Beiträge zur Signographie, Heft 2/2001



Gutenbergs et-Zeichen (B 42)
hat seinen Ursprung wahrscheinlich
in den tironischen Noten


Fußnoten
(1) Brandi, Karl: Unsere Schrift. Göttingen, 1911. Seite 33:
»Zu den sehr wenigen Ligaturen der altrömischen Majuskel gehörte,
außer ... NT, noch die Verbindung ... für OR. Da diese für den
lateinischen Genitivplural (orum) ... sehr viel vorkam, gewöhnte
man sich entsprechend einer neu aufgetauchten Mode
der Buchstabenverbindungen auch daran, andere Rundungen nach
Analogie von OR zu behandeln, also vor allem br und pr.
Damit aber kam durch Zerlegung die Vorstellung auf, der zweite
Teil der Majuskel ... sei auch für sich zu gebrauchen. Man
sezte also auch isoliert dieses halbe r, um es im übrigen in
den allgemeinen Brechungsprozeß hineinzuziehen.«
(2) Meyer, Wilhelm: Die Buchstabenverbindungen der sogenannten
gothischen Schriften. Berlin, 1897
(3) Motetten = mehrstimmige Kirchengesänge ohne Instrumentalbegleitung
(4) Siehe Luidl, Philipp: Grunds(e)tzliches. Heft 6. München,
ca. 1995 und Kandler, Georg: Alphabete. Band 1. Kornwestheim, 1995


Neuere Literatur zu diesem Thema:
Glöß, Thomas: Druckschrift und Inschrift (Seiten 94 - 97). Leipzig, 2006



Volksbühne goes blackletter
oder
Wenn Profis ahnungslos sind...




Die traditionsreiche Berliner Volksbühne verwendet in der
Spielzeit 2013/14 auf ihren Plakaten, Programmheften, Flyern
und ihrem Internetauftritt einige historische Blackletter-Fonts.

Die richtige Verwendung von Lang- und Schluss-s und die Ver-
wendung von Ligaturen bleiben dabei allerdings auf der Strecke...
Erstaunlich, wenn man bedenkt, daß hier ein professionelles
Designstudio am Werke war.
So verkommt eine ansonsten interessante Kampagnen-Idee zu
einem echten Ärgernis.


(Foto: Petra Rüth)



oder
Über die Schwierigkeiten beim Vermitteln
von Fachwissen
bezüglich der Gebrochenen Schriften


Meine Kritik an dem Fachbuch
Forssman, Friedrich und de Jong, Ralf:
DETAILTYPOGRAFIE.
Nachschlagewerk für alle Fragen zu Schrift und Satz.
Mainz, 2001


Auf Seite 277 schreibt Forssmann:
»Gebrochene Schrift. Darunter versteht man folgende Schriftarten:
Gotische Schrift, Schwabacher, Fraktur ... Man darf alle drei
Schriftarten Fraktur nennen, ohne sich zu blamieren ...«

Laut DIN 16518 unterscheiden wir bei der Gruppe X (Gebrochene
Schriften) folgende Untergruppen:

Xa Gotisch
Xb Rundgotisch
Xc Schwabacher
Xd Fraktur
Xe Fraktur-Varianten

Selbst, wenn er den Fraktur-Varianten die Bedeutung einer eigenen
Untergruppe versagt, verschweigt Forsmanns Text immerhin die
Rundgotisch (Rotunda). Dies ist allein deshalb äußerst fragwürdig,
da die Rotunda der Antiqua näher steht, als alle anderen
gebrochenen Schriften.

Laien dürfen die gebrochenen Schriften sicherlich insgesamt als
»Fraktur« bezeichnen, ohne sich zu »blamieren«. Fachleute hingegen
sollten die korrekten Bezeichnungen wählen, da die »Fraktur« lediglich
eine von fünf Untergruppen darstellt.

Auf Seite 278 schreibt Forssmann:
»In gotischen Schriften kann auch generell das runde s verwendet
werden, vor allem in fremdsprachlichen Anwendungen oder bei
Verwechselungsgefahr in Beschriftungen.«

Woher Forssmann diese Weisheit nimmt, bleibt sein Geheimnis.
Richtig ist, daß Engländer und Amerikaner grundsätzlich auf das
Lang-s verzichten. Hieraus allerdings abzuleiten, daß bei gotischen
Schriften generell das runde s verwendet werden kann, ist schlicht
und ergreifend falsch!

Als die »Frankfurter Allgemeine« Ende 2004 begann, das Lang-s aus den
(gotischen) Überschriften ihrer Kommentar-Kolumnen zu verbannen,
gingen zur Überraschung der Redaktion zahlreiche Leserbriefe ein,
in denen diese Aktion scharf kritisiert wurde. Als Rechtfertigung
verwies die FAZ in ihren Antwortschreiben unter anderem auf
das Zitat von Forssmann!


Das Wort »Musterschüler« in einer FAZ-Überschrift vom November 2004.
Gruselig, aber Herr Forssmann hat es ja erlaubt ...


Ferner führte man angebliche Leseschwierigkeiten gerade bei
jüngeren Lesern als Grund für die Umstellung an. Folgt man dieser
verqueren Logik, dann müßte z. B. die Brauerei »Hasseröder«
unverzüglich ihr Firmenlogo ändern. Hier taucht das doppelte Lang-s
auf. Offensichtlich haben aber die Konsumenten damit keinerlei
Schwierigkeiten. Ähnliches gilt für »Jägermeister«, »Gilde Kölsch«
oder »Fürstenberg«-Biere. Die Brauerei
»Stuttgarter Hofbräu« hat sich
übrigens ganz bewußt dafür entschieden, ihren Firmennamen
auf Etiketten, Kästen, Gläsern und Plakaten in Fraktur zu setzen,
obwohl eine Verwechselungsgefahr zwischen Groß-S und Groß-G
bei jüngeren Konsumenten nicht absolut ausgeschlossen werden kann.
Auf der Internetseite der Brauerei heißt es hierzu:

»Diese Typographie symbolisiert nicht nur unsere jahrhundertealte
Brautradition. Sie steht auch für Werte wie Beständigkeit und Verlässlichkeit,
denen wir uns bei Stuttgarter Hofbräu verpflichtet fühlen.
«

Zur »Ehrenrettung« der deutschen Zeitungsverlage sei darauf
hingewiesen, daß z. B. die Ostfriesen-Zeitung aus Leer und
die Kölnische Rundschau (zumindest im Zeitungskopf) an der
richtigen Schreibweise mit Lang-s festhalten. Meines Wissens
ist kein Leser bekannt, der etwa die Ostfriesen-Zeitung als
Oftfriefen-Zeitung interpretiert.


Nachtrag: Seit Oktober 2007 verzichtet die FAZ
(bis auf den Zeitungs-Titel) auf den Einsatz gebrochener Schriften.
Noch ein Nachtrag: Im August 2008 hat die Ostfriesen-Zeitung von
einem auf den anderen Tag ihr Erscheinungsbild geändert. Die
bewährte gebrochene Titelzeile ist dem sog. »Relaunch« zum Opfer
gefallen.

Es war einmal: Ostfriesen-Zeitung vorher und nachher...


...und noch ein Nachtrag:

Internetseite der „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ im August 2011:
„Die Potsdamer Neuesten Nachrichten sind in diesem Jahr 60 Jahre alt geworden.
Im (Zeitungs-)Kopf, so fanden wir, sahen wir deutlich älter aus. Das muss nicht sein,
finden wir. Auch deshalb verabschieden wir uns von dem alten Schriftzug mit der
uralten Fraktur-Schrift.“
... und die bemerkenswerte Antwort einer Leserin:
„Warum hat die Potsdamer Lokalredaktion nicht den Mut, einen einmal gefundenen
Layout-Stil im Titelkopf beizubehalten? Der Titel in Fraktur geschrieben machte diese
Zeitung unverwechselbar. Auch viele amerikanische Zeitungen führen ihren Titelkopf
aus Tradition in Frakturschrift. Das neue Erscheinungsbild ist nichts anderes als
modernistisch und macht diese Zeitung gleicher mit anderen Druckerzeugnissen.“


Alt und neu. Sieht so eine Verbesserung aus?



oder
Ein nicht veröffentlichter und nicht beantworteter
Leserbrief an die Braunschweiger Zeitung vom 22. 05. 2010



Ausschnitt aus der BZ-Überschrift vom 22. 05. 2010

So wäre es richtig gewesen ...

Betr.: Überschrift des Artikels »Als Ur-Opa nach Braunschweig zog...«
Lokalteil der BZ vom 22. Mai 2010


Sehr geehrte Damen und Herren,

es war sicherlich eine nette Idee, den Artikel von Yvonne Buchwald mit
einer Headline aus gotischen Lettern zu versehen. Nur: Wenn man das
macht, sollte man es auch richtig machen! In ihrer Überschrift fehlen leider
die Ligaturen ch und sch sowie das Lang-s. Beides ist für den Satz
gebrochener Schriften unerläßlich. Schriftsetzer und Korrektoren, die früher
an der Zeitungsherstellung beteiligt waren, hätten ihnen diesen Fehler nicht
durchgehen lassen. Leider gibt es beide Berufsbilder nicht mehr.

Übrigens: Die Regeln für den Fraktur-Satz stehen nach wie vor in jedem Duden.
Im Zeitalter der automatischen Korrekturprogramme nimmt den allerdings
wohl kaum noch jemand in die Hand.

In ihrem Artikel heißt es: »Zur Ahnenforschung gehören altdeutsche
Sprach- und Schriftkenntnisse.« Ergänzend wäre anzumerken, daß solche
Kenntnisse auch manchem Journalisten gut zu Gesicht stehen würden.




Zur Unterseite Frakturverbot

 

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