In Anlehnung an die 1974 erschienene Fachtechnische Schriftenreihe
der IG Druck und Papier, erstellt von Albert Rahmer in Zusammenarbeit
mit der Redaktion »Form und Technik«


Gruppe I
Venezianische Renaissance-Antiqua
(Humanist/Humanes)


Die Venezianische Renaissance-Antiqua steht am Beginn der Schriftformen
nach der Ordnung DIN 16518. Ausgangsbasis dieser Schrift ist die
Capitalis monumentalis. Es ist die in Stein gemeißelte, nur aus Versal-
buchstaben bestehende Type, wie wir sie aus den Baudenkmälern Roms
kennen (Trajanssäule).

Über die Schreibtechnik der Breitfeder mit schrägem Ansatz,
die stets entscheidend an der Formbildung der Schriften mitwirkte,
entstanden Quadrata, Rustika, Unziale, Halbunziale,
Karolingische und Humanistische Minuskel. Diese Entwicklung führte
im fünfzehnten Jahrhundert zur vollendeten Form
der Kleinbuchstaben und der Schrift mit Versalien und Gemeinen.
Die Venezianische Renaissance-Antiqua wurde
als Druckschrift erstmals 1465 angewendet.



Merkmale der Venezianischen Renaissance-Antiqua sind
geringe Unterschiede in der Strichstärke; Versal M und A
haben bei mehreren Schnitten dieses Charakters
am Kopf Serifen nach beiden Seiten; schräger Anstrich
bei Senkrechten; schräger Innenstrich des e;
schräg-links betonte Achsstellung der Rundungen.


Ludlow Eusebius (Ernst Frederic Detterer, 1923)

Auswahl von Schriften aus der Gruppe I
Amalthea, Ascot, Berkeley Old Style, Centaur,
Concorde, Deepdene, Eusebius, Goudy Italian, Guardi,
Horley Old Style, Jersey, Lutetia, Menhart-Antiqua, Normandy,
Seneca, Schneidler-Mediaeval, Trajanus, Verona, Weidemann,
Worcester Round



Gruppe II
Französische Renaissance-Antiqua
(Geralde/Geraldes)


Die Entwicklung war bei den ersten Antiquaschriften der Frühdruckzeit
nicht stehengeblieben. Die Verfeinerung der Merkmale der
Renaissance-Antiqua wirkte sich bei dieser Gruppe in der Exaktheit
der Strichführung bei Rundungen und Serifen aus.



Insgesamt wurden dünnere und differenziertere Strichstärken erreicht.
Keilförmige Ansatzstriche bei den Oberlängen und Mittellängen
der Kleinbuchstaben, wie bei l h k i n m, treten
deutlich hervor. Im Gegensatz zur Gruppe I
ist bei der Gruppe II der Mittelstrich des e nicht mehr schräg,
sondern waagerecht. Dieses Merkmal beginnt schon 1495 bei der
zarten Bembo-Type. Sie kann damit als erste Drucktype der
Französischen Renaissance-Antiqua bezeichnet werden.


Die von links nach rechts tendierende Achsstellung der Rundformen,
wie bei o p q d b und 0 Q C G, ist auch hier kennzeichnend.
Die Versalien sind kürzer als die Buchstaben mit Oberlängen.
Für die Einfügung der Versalien in den Text der Kleinbuchstaben
wirkt sich dies vorteilhaft aus.

Auswahl von Schriften aus der Gruppe II
Aeterna, Aldus-Buchschrift, Bembo, Berling,
Charter, Comenius-Antiqua, Garamond, Granjon, Leipziger Antiqua,
Meridien, Michelangelo, Octavian, Palatino, Perpetua, Plantin,
Sabon-Antiqua, Trump-Mediaeval, Van Dijck, Vendome, Weiß-Antiqua


Einteilung eines Setzkastens für Antiqua-Schriften im Bleisatz.

Grafik: © B. Schnelle

Gruppe III
Barock-Antiqua
(Transitional/Réales)


Der Kupferstich, der in der Barockzeit, die etwa Ende des
16. Jahrhunderts beginnt, den Holzschnitt als Illustrationsverfahren abgelöst hat,
macht sich auch bei den Schriftformen dieser Zeit durch
eine feinere Strichführung bemerkbar. Starke Unterschiede
für Grund- und Haarstrich ergeben einen fett-feinen Strichwechsel
in den Figuren. Die Anfangsstriche der Kleinbuchstaben liegen fast waagerecht,
die Serifen werden feiner, ihre Schwingungen geringer. Die Achse
der Rundungen ist nahezu oder ganz senkrecht gestellt.
Versalien haben die gleiche Höhe wie die Buchstaben mit Oberlängen.



Eine vergleichende Betrachtung mit den Gruppen I und II zeigt,
daß sich bei der Gruppe III die Kennzeichen
des geschriebenen Ursprungs verlieren.

Die bekanntesten Schnitte der Barock-Antiqua sind die Janson-,
Baskerville- und die Caslon-Antiqua. Diese sind weitgehend nach
Originalvorlagen aus dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert
geschnitten und tragen die Namen ihrer Schöpfer.

Auswahl von Schriften aus der Gruppe III
Baskerville, Bernhard Modern, Bookman, Caledonia,
Caslon, Century, Century Schoolbook, Cheltenham, Cochin, Diotima,
Ehrhardt, Imprimatur, Janson, Life, Nicolas Cochin, Poppl-Antiqua,
Raleigh, Schoolbook, Scotch, Tiffany, Times


Aufsicht auf einen DIN-Setzkasten. Quelle: wilhei/wikipedia


Gruppe IV
Klassizistische Antiqua
(Didone/Didones)


Die Barockformen der Schrift wandeln sich gegen Ende
des 18. Jahrhunderts. Im Zuge der klärenden und bereinigenden Tendenzen
des Klassizismus und den Auswirkungen technischer Exaktheit
entstehen Formen, bei denen die Unterschiede von Grund- und
Haarstrich noch ausgeprägter betont werden. Kraftvolle senkrechte
Striche setzen ohne Übergang auf feinen Serifenstrichen auf.
Exakte Bogenlinien und ausgefeilte An- und Abschwellungen,
Rundformen, die bei den Buchstaben G durch einen, bei S und R mit
zwei Kreisen bestimmt werden, kennzeichnen die Grundprinzipien
dieses Schriftbilds, das sich äußerst exakt, erhaben, oft
sachlich-kühl zeigt. Überspitzt fein sind die Haarstriche bei der
Didot-Antiqua. Sie gehört mit der Bodoni- und Walbaum-Antiqua
zu den bedeutendsten Schnitten der Klassizistischen Antiqua.




Auswahl von Schriften aus der Gruppe IV
Bauer Bodoni, Bodoni-Antiqua, Linotype Centennial,
Corvinus, De Vinne, Linotype Didot, Ellington, Falstaff, Fat Face,
Fenice, Madison-Antiqua (Amts-Antiqua), Normande, Tiemann-Antiqua,
Torino, Walbaum-Antiqua


Es gibt sie noch, die »Schriftexperten« unter den Plakatgestaltern!
Petra Rüth fotografierte dieses wunderbare Plakat in Frankfurt am Main


Gruppe V
Serifenbetonte Linear-Antiqua
(Slab Serif/Mécanes)


Mit dem Klassizismus endet jene Zeit, die sich in mehr oder minder
längere kulturgeschichtliche Epochen einteilen läßt.
Nach diesen sind die ersten vier Gruppen der DIN-Norm benannt.
Neue Schriftformen im neunzehnten Johrhundert orientierten sich
am technischen Zeitalter. Gleichmäßige Strichstärken in Grund- und
Haarstrichen bei den mageren Schnitten sowie gleichstarke Serifen
sind die Kennzeichen der Serifenbetonten Linear-Antiqua,
von der es mehrere Varianten mit jeweils ausgeprägten Merkmalen gibt.

Bei der Form »Egyptienne« sind die gleichmäßigen Strichstärken
am ausgeprägtesten, die Serifen sind eckig angesetzt. Aus der
Ursprungszeit, Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, gibt es
nur noch Einzelschnitte. Die Schriftfamilien wie Beton, Memphis und
Welt-Antiqua entstanden in den zwanziger und dreißiger Jahren
des 20. Jahrhunderts.



Bei der Form »Clarendon« ist die gleichmäßige Strichstärke
nicht mehr so ausgeprägt. Sie hat gewisse Anklänge an die
Klassizistische Antiqua. Hier sind die Serifen an den Ansätzen
gerundet. Die meisten Schnitte dieser Form entstanden
in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts.



Die Form »Italienne« ist nur als reine Auszeichnungsschrift zu finden.
Bei ihr sind die Serifen übermäßig betont und weit kräftiger
als die fast gleichmäßig starken Grund- und Haarstriche.
Typische Beispiele sind die Pro Arte und Figaro.


Eine Sonderform dieser Gruppe sind die Zeitungstypen, wie sie
sich in den Formen Excelslor, Candida, Berlin, Rotation und
ähnlichen zeigen. Sie waren den technischen Notwendigkeiten der



Zeitungsherstellung (Matern) angepaßt und hatten entsprechend
kräftige Haarstriche und Serifen. Eine Verwandtschaft mit der
Serifenbetonten Linear-Antiqua ist nur noch teilweise vorhanden.


Auswahl von Schriften aus der Gruppe V
Aachen, Clarendon, Memphis, Old Towne, Pro Arte
Schadow-Antiqua, Serifa, Volta, Welt-Antiqua


Eine eher seltene Egyptienne-Schrift:
Die Welt-Antiqua kräftig von Hans Wagner. 1931 von Ludwig & Mayer
in Frankfurt am Main gegossen



Gruppe VI
Serifenlose Linear-Antiqua
(Sans Serif/Linéales)


Die abstrakteste Form unseres Schriftalphabets ist die Serifenlose
Linear-Antiqua mit ihren fast gleichmäßigen Strichstärken.
Vom feinsten Duktus der leichten Schriftschnitte bis zu
den breitesten und kräftigsten Darstellungen ist sie im
Charakter unverändert. Seit ihrem Entstehen in England am Beginn des
19. Jahrhunderts wandelte sich ihr Aussehen nur formal.

Aus der manuellen, anfänglich etwas groben Form des Schriftschneiders
entstehen in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts
Schnitte linear-konstruktiver Art
wie die Futura und die Erbar-Grotesk, und Ende der fünfziger
Jahre jene Schnitte mit der heute wohl optimal besten Leseform, wie Folio,
Helvetica, Univers. Auch die Akzidenz-Grotesk
gehört in diese Reihe. Ihre ersten Formen entstanden
schon ausgangs des 19. Jahrhunderts, doch kamen in den letzten
Jahren zahlreiche Schnitte hinzu.



Schriftfamilien mit über zwanzig Garnituren lassen die in der
Schriftentwicklung einmalig große Wandelbarkeit der Serifenlosen
Linear-Antiqua und zugleich die Vielseitigkeit ihrer
Anwendungsmöglichkeit erkennen.


Der Winkelkaken in der Hand eines Schriftsetzers.
Quelle: wilhei/wikipedia


Die Serifenlose Linear-Antiqua hat an vielen Stellen nur annähernd
gleiche Strichstärken. Diese sind optisch so ausreguliert,
daß das Auge sie als gleichstark empfindet. Größere Veränderungen
in der Strichstürke weisen die Brückenstriche, die
Bogeneinläufe in die Senkrechten und die Rundformen auf. Bei den neueren
Schnitten sind diese Veränderungen am ausgeprägtesten.



Handsatz-Kolumne auf dem Setzschiff.
Quelle: wilhei/wikipedia


Auswahl von Schriften aus der Gruppe VI
Akzidenz-Grotesk, Antique Olive, Avant Garde Gothic,
Cosmos, Delta, Erbar-Grotesk, Eurostile, Folio, Franklin Gothic,
Frutiger, Futura, Gill, Helvetica, Univers



Gruppe VII
Antiqua-Varianten
(Display/Incises)


Diese Schriftgruppe ist gewissermaßen ein Sammelbecken, auch vom
Namen her. Sie umfaßt speziell solche Formen, die neben den
Schriften der ersten sechs Gruppen nicht als »geschriebene« Antiqua
(IX), aber auch nicht als Schreibschriften (VIII) deklariert werden können.


Kartenschrift Belladonna von Hildegard Hennig. Klinkhardt, Leipzig, 1912

Manche Schriften dieser Gruppe, ursprünglich wohl geschrieben, wurden aber
in der Umsetzung zur Drucktype zeichnerisch gestrafft oder abgeschliffen
und damit stark verändert. Auch Wechselzugschriften,
gezeichnete und besonders Zierschriften, Schriften der Werbung
und Repräsentation (Incisis), die auf Grund ihrer Merkmale
nicht in eine schon vorhandene Gruppe passen, gehören zu
den Varianten. Unter anderem zählen die Wide Latin
und Neuland zu den Antiqua-Varianten.



Die Zuordnung ist vielfach nicht einfach, da eine Verwandtschaft
zur Gruppe IX besteht. Das ist besonders
dann der Fall, wenn die Versalien strengere, die Gemeinen jedoch
mehr geschriebene Züge aufweisen. Eine unterschiedliche Zuordnung
zwischen diesen beiden Gruppen sollte man daher auch nicht überbewerten.
Die Schriften dieser Gruppe werden heute auch als
»Displayschriften« bezeichnet.


Die halbfette Bravour, eine Antiqua-Variante von 1912
aus dem Hause Stempel, Frankfurt am Main



Die ursprünglichen Schnitte der wenig bekannten Glaß-Antiqua, einer Antiqua-Variante
von 1912/13 aus dem Hause Genzsch & Heyse, Hamburg
. Später folgte noch ein Kursiv-Schnitt.

Auswahl von Schriften aus der Gruppe VII
Abbot Old Style, Amelia, Americana, Arnold Böcklin, Banco,
Bravour, Calypso, Churchward, Cooper Black, Dynamo, Eckmann,
Glaser Stencil, Hobo, Lasso, Mexico Olympic, Plastica,
Profil, Souvenir, Stop, Superstar, Tintoretto, Traffic,
Washington, Windsor, Zipper


Gruppe VIII
Schreibschriften
(Script & Brush/Scriptes)


In diese Gruppe gehören alle Schriften mit den gut erkennbaren
Merkmalen des Schreibens in der Antiquaform. Nicht dazu gehören
jedoch die Kursiven der Antiquaschriften, die als schräge
Garnituren oft noch wesentliche Formeigenarten der geraden
Grundschrift tragen. Schreibschriften gab es schon bei den
Römern, wie der Kaufvertrag einer Sklavin aus dem Jahre 129 zeigt.
Die Handschriften der Humanisten führten im sechzehnten
Jahrhundert zur Cancelleresca corrente, der Schreibschrift der Antiqua.
In ganz Europa entstanden in den folgenden Jahrhunderten zahlreiche
»Scripts«. Schreibmeister und Kupferstecher wetteiferten in der Vollendung
dieser Formen. Bis auf den heutigen Tag haben sich diese
englischen und italienischen Schreibschriften mit ihren einmalig
exakten feinen Strichen erhalten.




Im 20. Jahrhundert sind zahllose zarte, aber auch werblich kraftvolle
Schreibschriften der verschiedensten Art mittels Spitzfeder,
Breitfeder, Flach- und Rundpinsel entstanden.

Auswahl von Schriften aus der Gruppe VIII
Arkona, Amazone, Bison, Boulevard, Brush Script,
Caprice, Charme, Choc, Diskus, Englische Schreibschrift,
Künstler-Schreibschrift, Lithographia, Mistral, Reiner Script,
Rondo, Signal, Swing, Vivaldi

Weitere Schreibschriftmuster finden Sie hier:




Gruppe IX
Handschriftliche Antiqua
(Graphic/Manuaires)


Die Bezeichnung der Gruppe IX stellt die Distanzierung zur
vorherigen Gruppe, den nach rechts geneigten Schreibschriften,
deutlich heraus. In der Handschriftlichen Antiqua haben die
senkrecht stehenden Antiquaschriften ihren Platz, bei denen
handschriftliche (manuale) Merkmale erkennbar sind. Die Betonung
bleibt also auf dem Wort Antiqua. Mehrere Richtungen, die in der
geraden Antiqua oder der Kursiv ihre Wurzeln haben, lassen sich
feststellen, doch allen Schriften gemeinsam ist ein bewegtes
und dem Statischen entgegenstehendes Buchstabenbild.



Auch bei diesen Schriftgestaltungen ist das Werkzeug des Entwerfers
formgebend, was bei den meisten Schriften unschwer auszumachen ist.
Die Breitfeder (Wechselzug) ergibt des gepflegtere Wortbild,
während Redisfeder (Schnurzug) und verschiedene Pinselarten,
besonders bei den werblichen und kräftigen Schriftgestaltungen, die
Ursprünglichkeit und Originalität des Schriftkünstlers betonen.

Auswahl von Schriften aus der Gruppe IX
American Uncial, Antikva Margaret, Arcade, Codex, Delphin
Dom Casual, Hadfield, Klang, Koch-Antiqua, Libra, Lydian, Ondine,
Poetica, Post-Antiqua, Prima, Ritmo, Solemnis, Studio, Time Script


Zur Unterseite Gebrochene Schriften


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