Lagen die Wurzeln in Alteuropa?

Noch vor wenigen Jahren galt es als unbestritten, daß das älteste
Schriftsystem der Welt vor etwa 5000 Jahren von den Sumerern im
Zweistromland (Mesopotamien) entwickelt wurde und sich dann von
dort in die anderen Hochkulturen des Altertums verbreitete. So
haben es Generationen von Gutenberg-Jüngern in der Schule gelernt,
so kann man es auch in den Lexika nachlesen. In den letzten
Jahren hat diese These der Monogenese(1) der Schrift allerdings
erhebliche Kratzer bekommen. Seit den Veröffentlichungen der
litauischen Archäologin Marija Gimbutas in den siebziger und achtziger
Jahren wissen wir von einer noch älteren, vor-indogermanischen
europäischen Schrift (1a).

Die sogenannte Vinca-Kultur(2) besiedelte bereits im 6. Jahrtausend vdZ
den Balkanraum zwischen Adria und Karpaten, zwischen dem heutigen
Ungarn und dem nördlichen Griechenland.

Die hier bei Ausgrabungen gefundenen Zeugnisse einer frühen
europäischen Sakralschrift haben Wissenschaftler zu der Annahme
gebracht, daß aus ihr die kretische Linear A-Schrift entstanden ist.(2a)
Harald Haarmann hat in seinem empfehlenswerten Werk
Universalgeschichte der Schrift auf die Wahrscheinlichkeit einer
frühen Wanderung der Vinca-Kultur  in den ägäischen Raum
hingewiesen. Földes-Papp hatte bereits 1966 in seinem Werk
Vom Felsbild zum Alphabet auf die, wie er es nannte,
»Kretische Hypothese« bei der Entwicklung des Konsonantenalphabets
hingewiesen, freilich ohne Kenntnis der erst später gemachten Ent-
deckungen der Archäologen.



Lebensraum der Vinca-Kultur (Donauzivilisation). Grafik: © B. Schnelle

Die Hypothese der alteuropäischen Wurzeln unserer Schrift
ist unter den Wissenschaftlern nicht unumstritten.
Darf sie deshalb unerwähnt bleiben? Wohl kaum. Wer sich bisher
im Besitz der allgemeingültigen Antworten auf die vielfältigen Fragen
der Schriftgeschichte wähnte, dem dürften angesichts der modernen
Forschungsergebnisse doch erhebliche Zweifel kommen. Festzuhalten
bleibt eine wichtige Tatsache: Immerhin zwei Jahrtausende liegen
zwischen den ältesten Zeugnissen der Alteuropäischen Schrift
und den ersten Aufzeichnungen der Sumerer in Mesopotamien.(2b)

Bereits die alten Griechen und Römer stritten über den Ursprung
des Alphabets. Der Geograph Strabo nannte das iberische Volk
der Turdetanier; diese hätten eine über 6000 Jahre alte Schrift
besessen. Heute dürfen wir annehmen, daß diese iberische Schrift
nichts anderes als ein Ausläufer des phönikischen Konsonanten-
alphabets war. Platon dagegen hielt die Ägypter für die Schöpfer
des Alphabets. Der Römer Plinius der Ältere nannte die Assyrer,
während der Historiker Tacitus der ägyptischen Hypothese
den Vorzug gab. Der Grieche Diodor schrieb, nicht die Phöniker
hätten das Alphabet erfunden, sondern sie hätten lediglich
eine aus Kreta stammende Schrift übernommen und verändert.
Sicher ist, daß bei den bereits im Altertum lebhaften Handelsbe-
ziehungen im Mittelmeerraum, ein Schriftsystem nicht isoliert bleiben
konnte.

Gerade den seefahrenden Phönikern ist die kretische Linearschrift
sicherlich nicht unbekannt geblieben. Insofern darf man Kreta
wohl die Funktion einer Drehscheibe bei der Verbreitung der Schrift
zuschreiben.



Kreta und Zypern

Das älteste auf Kreta nachzuweisende Schriftsystem, eine Bilderschrift,
wird auf etwa 2000 vdZ datiert. Sie ist auf wenigen Tonstreifen und Siegeln
erhalten geblieben. Ihre Herkunft aus den ägyptischen Hieroglyphen
gilt heute als sehr wahrscheinlich. Mit ziemlicher Sicherheit
hat man damals auch schon mit Matrizen die Schriftzeichen in den
weichen Ton eingedrückt, der anschließend an der Sonne
getrocknet wurde.

Italenischen Archäologen gelang 1908 im minoischen Palast von
Phaistos (Süd-Kreta) ein herausragender Fund. Eine flache, runde
Tonscheibe mit ca. 16 cm Durchmesser, beidseitig mit Bildzeichen
bedeckt, wurde der Vergangenheit entrissen.

Dieser sog. »Diskus von Phaistos« entstand im 17. Jahrhundert vdZ.
Lange Zeit hielten die Wissenschaftler ihn für einen Import aus
Kleinasien oder aus Nordafrika. Nach einem weiteren Fund auf
Kreta, der ähnliche Schriftzeichen enthält, gilt seine kretische
Identität inzwischen als gesichert. Auch gehen die Wissenschaftler
nunmehr davon aus, daß es sich bei den Schriftzeichen um eine
linksläufig geschriebene Silbenschrift handelt, lediglich ihr bildhafter
Charakter erinnert noch an die kretischen Hieroglyphen. Diese Zeichen
wären dann die direkte Vorstufe zu den linearen Schriften, deren
Frühform man freilich bereits parallel zu den Hieroglyphen verwendete.



Diskus von Phaistos

Sir Arthur Evans, dem Ausgräber des Palastes von Knossos,
verdanken wir die Funde der kretischen Linear A- und Linear B-Schrift.
Linear A entwickelte sich höchstwahrscheinlich aus der
Hieroglyphenschrift und wurde für die minoische Sprache
verwendet. Linear A ist bis heute nicht entziffert.

Wir wissen auch nicht, was etwa im 15. Jahrhundert vdZ zum Untergang
der minoischen Kultur geführt hat; die Wissenschaftler halten
eine große Naturkatastrophe ebenso für möglich, wie eine Invasion
vom griechischen Festland.



Lokale Formen der frühen ägäischen Linearschriften
1 = Diskus von Phaistos (Silbenschrift)
direkter Vorläufer der linearen kretischen Schriften, ca. 1700 vdZ
Linear A, ca. 2000 - 1200 vdZ
Linear B, ca. 1500 - 1200 vdZ
2 = Kyprisch-Minoische Schrift, ca. 2. Jahrtausend vdZ
3 = Levanto-Minoische Schrift (Kyprisch-Minoische Einflüsse)
ca. 2. Jahrtausend vdZ
4 = Philisto-Minoische Schrift (Kyprisch-Minoische Einflüsse)
ca. 1700 vdZ
5 = Liparische Schrift (Mykenisch) ca. 12. Jahrhundert vdZ
Fundort: Äolische Inseln
6 = Karische Schrift (Mykenisch-Kyprische Einflüsse)
8. - 3. Jahrhundert vdZ
Grafik: © B. Schnelle


Auf Zypern war während der Bronzezeit, im 2. Jahrtausend vdZ,
eine Schrift in Gebrauch, die mit der minoischen Linear A
offensichtlich verwandt ist. Sie wird als Kyprisch-Minoische
oder alt-kyprische Schrift bezeichnet.(2c) Die gefundenen Tontafeln
wurden im Gegensatz zu den kretischen Funden gebrannt und nicht
in der Sonne getrocknet. Die alt-kyprische Schrift ist
bis heute unentziffert. Ab dem 1. Jahrtausend vdZ wurde
auf Zypern für die griechische Sprache die sog. Klassische
Zyprische Schrift
verwendet, die bei der Entzifferung der
Linear B durch den Briten Michael Ventris (1922 bis 1956) eine
Schlüsselrolle spielen sollte.



Einige Zeichen der sog. Klassischen Zyprischen Schrift

Als Sir Arthur Evans 1941 starb, hatte er mit der Entzifferung der
kretischen Linear B kaum Fortschritte gemacht und war bis zuletzt
davon überzeugt, daß die minoische Sprache unmöglich ein
frühes Griechisch sein konnte.

Dem Architekten Michael Ventris, der bereits als 15jähriger
Evans kennengelernt hatte, gelang 1953, unterstützt von John Chadwick,
der Nachweis, daß die Linear B-Tafeln in einem archaischen
Griechisch beschriftet wurden. Linear B-Funde gab es nicht nur
auf Kreta, sondern auch auf dem griechischen Festland (Pylos 1939,
Mykene 1950, Theben 1964 und Tiryns 1966). Die Minoer
und Mykener haben also bereits Jahrhunderte vor Homer
griechisch gesprochen. Andrew Robinson schreibt in seinem Werk
Die Geschichte der Schrift:
»Dies ist nicht das Griechisch Homers, geschweige denn das
klassische Griechisch des Euripides, so wie das
moderne Deutsch nicht das Deutsch Grimmelshausens ist.«


Fußnoten

(1) monogen = aus einer einmaligen Ursache entstanden.

Ebenso zweifelhaft ist die These, dass die altägyptischen Hieroglyphen
Ursprung aller nachfolgenden Schriften seien. Diese Auffassung taucht leider
auch in der neueren Fachliteratur auf, so z.B. bei Bollwage, 2010 (siehe
Literaturverzeichnis). Übrigens: Als man um das 8. Jahrhundert vdZ
in Ägypten noch Hieroglyphen verwendete, kannte man an den Küsten
Palästinas bereits Alphabet-Schriften. 
Die Monogenese-Theorie gewinnt
auch
durch ständiges Wiederholen nicht an Überzeugungskraft.

(1a) Gimbutas war Leiterin von fünf großen Ausgrabungsprojekten
im ehemaligen Jugoslawien , Griechenland und Italien. Diese Arbeit
trug maßgeblich zum Verständnis des Neolithikums
in einigen
Teilen Europas und der kulturellen Entwicklung vor der indo-
germanischen Einwanderung bei.


(2) Die Vinca-Kultur hat ihren Namen nach dem serbischen
Dorf Vinca bei Belgrad, Fundort einer großen, mehrschichtigen Siedlung.

(2a) Kuckenburg warnt allerdings davor, das ähnliche Zeicheninventar
als Beleg für die Verwandtschaft beider Zeichensysteme zu deuten.
Vergleiche hierzu: Kuckenburg, Martin: ...und sprachen das erste Wort.
Düsseldorf, 1996

(2b) Neuere Forschungsergebnisse lassen gar den Schluß zu,
daß auch die Proto-Ägyptischen Hieroglyphen und die Schriftzeichen
der Indus-Kultur älter als die Schrift der Sumerer sind.
Vergleiche hierzu: Haarmann, Harald, Geschichte der Sintflut.
Auf den Spuren der frühen Zivilisationen. München, 2003.

(2c) Lokale Formen dieser Schrift entwickelten sich im 2. Jahrtausend vdZ
auch in Vorderasien: die Lavento-Minoische und die Philisto-Minoische Schrift.



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Harry Rowohlt zur sogenannten Rechtschreibreform:
»Diese Reform ist doch subventionierte Legasthenie.«
Gelesen im Hamburger Abendblatt vom 31. Juli 1997

»Die Reform der Rechtschreibreform endet als Reformtorso.«
Hubert Spiegel in der FAZ vom 4. März 2006


»Schrift und Sprache verändern sich behutsam, gleichsam evolutionär.
Auch vor der Rechtschreibreform hat beispielsweise die Duden-Redaktion
hieraus ihre Schlüsse gezogen und regelmäßig neue Schreibweisen in die
jeweils aktuelle Ausgabe übernommen. Diese Regelung hat sich jahr-
zehntelang gut bewährt – bis zu dem Tage, als Bürokraten uns eine neue
Schriftsprache verordnet haben. Das konnte ja nur in die Hose gehen!«

Der Autor dieser Internet-Seiten in einem Leserbrief an den
Rheinischen Merkur, 2004


»Die Rechtschreibreform ist endgültig gescheitert.«
Welt Online, 30. 08. 2009

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