Das phönikische Konsonantenalphabet

Die Phöniker (oder Phönizier) waren wohl die größten Händler
und Entdecker der Antike. Sie bereisten und erforschten
den gesamten Mittelmeerraum und gründeten Kolonien.
Ihr Vorstoß bis zu den Kanarischen Inseln gilt heute als
wahrscheinlich, manche Wissenschaftler halten sogar eine
Umsegelung Afrikas für möglich, selbst der Vorstoß zum ameri-
kanischen Kontinent wird nicht mehr ausgeschlossen. Die Phöniker
haben der Nachwelt ein Konsonantenalphabet mit 22 Buchstaben hinter-
lassen, von dem wir heute wissen, daß sich aus ihm die früh-griechische
Schrift entwickelt hat. Die phönikische Schrift gehört zum
nordsemitischen Schriftenkreis, dem außerdem die kanaanäische
und die aramäische Schrift zuzurechnen sind. Über die Herkunft des
phönikischen Konsonantenalphabets wissen wir wenig, kretische
Einflüsse können ebenso wenig ausgeschlossen werden,
wie ägyptische oder sinaitische(3). Vielleicht kam Diodor
tatsächlich der Wahrheit sehr nahe, als er schrieb, die Phöniker
hätten lediglich eine aus Kreta stammende Schrift übernommen
und verändert.



Einige Schriftzeichen der Phöniker


Als ältestes Zeugnis der phönikischen Schrift gilt das sog.
Abdo-Fragment, vermutlich aus dem 17. oder 16. Jahrhundert vdZ.
Eine eingeritzte Inschrift am Tempel zu Abu Simbel zeigt uns die
frühe Übergangsform zur mittel-phönikischen Schrift, die etwa
ab dem 7. Jahrhundert verwendet wurde. Die Karthagische (punische)
Schrift ist eine weitere Entwicklungsstufe, bei der die Worte
bereits durch Zwischenräume getrennt wurden.

Die Karthagische (punische) Form wurde ab etwa 300 vdZ bis zur
Zerstörung Karthagos durch die Römer im Jahre 146 vdZ verwendet.
Die neu-punische Schrift hielt sich bis in das dritte Jahrhundert.

Albert Kapr bemerkte, daß die entscheidenden Schritte in der
Entwicklungsgeschichte der Schrift immer dann getan wurden,
wenn ein Volk das schriftliche Ausdrucksmittel eines anderen Volkes
übernahm(4). Genau dies taten nun die alten Griechen mit dem
phönikischen Konsonantenalphabet (siehe aber auch Fußnote 4a).

 

Die griechische Schrift


Die überragenden kulturellen Leistungen der Griechen
für die Zivilisation können gar nicht genug betont werden.
Auf den Gebieten der Philosophie, der Architektur
und der Kunst haben sie Werte für die Ewigkeit hinterlassen.
Ihnen verdanken wir u. a. die demokratische Staatsform. Athen stieg
zur führenden Handelsnation des Mittelmeerraumes auf
und übernahm die Schlüsselrolle bei der Weiterentwicklung der Schrift.

Die griechische Geschichte von etwa 1200 bis 700 vdZ wird von den
Historikern allgemein als dunkle Periode bezeichnet, was aber
lediglich besagt, daß wir fast keine Kenntnisse über die
Ereignisse dieses Zeitraums besitzen. Etwas Licht in das Dunkel
werfen immerhin die Dichtungen Homers. Aber gerade in dieser Periode
entstanden die ersten frühgriechischen Alphabete, die aus der
phönikischen Schrift entlehnt waren und der griechischen Sprache
angepaßt wurden. Kretische bzw. zyprische Einflüsse
dürften hierbei ebenfalls eine Rolle gespielt haben.

Über mehrere Jahrhunderte gab es verschieden Schreibweisen in den
griechischen Regionen, wohl eine Folge des ausgedehnten
Siedlungsgebietes der Griechen. Die Wissenschaft unterscheidet drei
Gruppen der früh-griechischen Schrift:

1) Die archaischen Alphabete der dorischen Inseln
(Kreta, Thera, Milos)

2) Die östlichen Alphabete (Attika, Aegina, Kleinasien, Korinth etc.)

3) Die westlichen Alphabete (Thessalien, Lakonien, Böotien,
Arkadien, Euböa etc.)


Die regionale Verbreitung der drei Gruppen der früh-griechischen Schrift.

Grafik: © B. Schnelle

In erstere Gruppe gehört die vierzeilige Felsinschrift aus Thera,
die etwa im 7. Jahrhundert vdZ entstanden ist. Der Text besteht
aus fünf Namen und ist furchenwendig (bustrophedon) geschrieben,
d. h. erste und vierte Zeile sind linksläufig,
zweite und dritte Zeile rechtsläufig zu lesen.


Felsinschrift in archaischem Griechisch (7. Jahrhundert vdZ)

Eines der ältesten uns erhalten gebliebenen griechischen
Schriftdenkmäler ist die sog. Dipylonkanne aus dem Athen
des 8. Jahrhunderts vdZ, deren Inschrift in die zweite Gruppe einzuordnen
ist. Die linksläufige Beschriftung lautet in deutscher Übersetzung:
»Wer nun von den Tänzern am anmutigsten tanzt, der soll dies erhalten.«
Offensichtlich war die Dipylonkanne als Siegespreis gedacht.

Seit etwa 500 vdZ hat sich die rechtsläufige Schreibrichtung
in ganz Griechenland durchgesetzt, die unterschiedlichen regionalen
Alphabete wichen aber erst rund hundert Jahre später dem
klassischen griechischen Alphabet.

Dieses war eine Linearkomposition auf fast quadratischer
Grundfläche. Durch die geometrischen Grundformen Kreis, Dreieck
und Rechteck lassen sich die verschieden Buchstaben sehr gut
voneinander unterscheiden. Die Griechische Capitalis ist eine
Monumentalschrift, deren strenger Schnurcharakter sofort ins Auge
fällt. Erst später, parallel zur römischen Capitalis monumentalis,
entwickelte sie Serifen; ein sehr schönes Beispiel liefert uns ein in einer
Kölner Kirche gefundene Grabstein aus dem 1. Jahrhundert.

Der Verwendung von Papyrus oder Pergament als Schriftträger
schulden wir die Entwicklung der Griechischen Majuskel.
Sie wurde mit der Rohrfeder, aber auch mit dem Pinsel geschrieben,
wirkt dadurch flüssiger und durch den Verzicht auf den strengen
geometrischen Aufbau auch sehr viel lebendiger als die in Stein
gehauenen Schriftzeichen der Capitalis.

Im 3. Jahrhundert vdZ entwickelte sich aus der Majuskel die
Griechische Unziale, eine mit der Rohrfeder geschriebene
Großbuchstabenschrift, parallel hierzu taucht die griechische
Kursive auf, eine flüchtig mit dem Metallgriffel in Wachs geritzte
Gebrauchsschrift. Sie ist der Vorläufer der Griechischen Minuskel,
einer Kleinbuchstabenschrift mit meist stark betonten
Ober- und Unterlängen. Diese griechische Minuskel kommt den heute
verwendeten griechischen Kleinbuchstaben bereits sehr nahe.

Für fünf Schriftgruppen ist die griechische Schrift
als Ursprung anzusehen:


1. für die kleinasiatische Gruppe der phrygischen, der lykischen,
der lydischen und der karischen Schrift. Die genannten Schriften
stehen dem griechischen Vorbild so nahe, daß sie als direkte
Ableger bezeichnet werden können.

2. für die slawischen Schriften (glagolitische und kyrillische Schrift).

3. für die koptische Schrift.

4. für die armenische und georgische Schrift.

5. für die italische Gruppe (etruskische Schrift und deren Ableger
sowie die lateinische Schrift).



Die Ausbreitung der Schrift in Vorderasien, Nordafrika
und Europa bis zum Mittelalter (vereinfachte Darstellung)
.
Grafik: © B. Schnelle

Fußnoten

(3) Vergleiche hierzu Kapr, Albert: Schriftkunst.
Anatomie und Schönheit der lateinischen Buchstaben.
München, NewYork, London, Paris 1983(4) ebd.

(4a) Doch nicht nur für die Entwicklung der griechischen Schrift
war das phönikische Konsonantenalphabet von größter Bedeutung; ebenso
darf es als Ausgangspunkt für die altaramäische Schrift (ab ca. 900
vdZ) angesehen werden. Weiter wurden durch die phönikische Schrift
die nabatäische, hebräische, sinaitische und altarabische
Schrift, die etwa in dem Zeitraum von 100 vdZ bis 600 ndZ entstanden,
maßgeblich beeinflußt. Ferner gilt es heute als sicher, daß die
numidische Schrift Nordafrikas ebenfalls ein Ableger der phönikischen
Schrift ist und die numidische wiederum Pate stand, bei der
Entstehung des Tifinagh-Alphabets der Berber in der Zentralsahara.
Als sicher gilt auch der direkte Einfluß der altaramäischen Schrift
auf die Schriften des indischen Subkontinents (die Brahmi-Schrift
entwickelte sich ab etwa 500 vdZ). In der Spätantike war das Aramäische
die Sprache der östlichen Christenheit und gelangte als
Verkehrssprache bis nach China, wo die Mongolen ihre
Schrift ebenfalls aus der aramäischen entwickelten.

 

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